15. Januar 2012 - Kalenderblatt
90. Geburtstag von Franz Fühmann
Deutscher Schriftsteller* 15. Januar 1922 in Rochlitz a. d. Iser (ČSR)
† 8. Juli 1984 in Berlin
Sein Vater ist Apotheker und Inhaber einer kleinen pharmazeutischen Fabrik. Der Sohn wächst in einer Umgebung heran, die auf Konrad Henlein und seine Sudetendeutsche Partei hört, Adolf Hitler bewundert und auf die Vereinigung mit dem Deutschen Reich hofft. 1938, nach dem Einmarsch der Wehrmacht, wird Franz Fühmann Mitglied der Reiter-SA.
Als er 1941 sein Abitur gemacht hat, wird er zum Reichsarbeitsdienst eingezogen. Seine Einheit begleitet die kämpfenden Truppen während der ersten Monate des Überfalls auf die Sowjetunion. Nach einem Lazarettaufenthalt wird er zum Nachrichtensoldat der Luftwaffe ausgebildet und an verschiedenen Standorten in der Ukraine und Griechenland eingesetzt.
1945 gerät er in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Zum ersten Mal hat er Zeit und Gelegenheit, die Bücher der Gegner des Nationalsozialismus zu lesen und über seine Kriegsjahre nachzudenken. 1946 schickt man ihn zur Antifa-Zentralschule Noginsk bei Moskau. Nach dem Ende des Kurses bleibt Franz Fühmann dort: er wird Assistent und zum Lehrer ausgebildet. Er erteilt selbst Unterricht, zuletzt in Ogre bei Riga. Im Dezember 1949 aus der Kriegsgefangenschaft entlassen, kommt er in die DDR, seitdem lebt er in Berlin und in Märkisch-Buchholz.
Anfang 1950 tritt er der National-Demokratischen Partei Deutschlands (NDPD) bei. Er wird Leiter der Hauptabteilung Kulturpolitik beim Parteivorstand der NDPD und Mitglied des Parteivorstandes. 1954/1955 machen zwei Veröffentlichungen seinen Namen bekannt: das Pamphlet »Die Literatur der Kesselrings« und die Erzählung »Kameraden«, die 1957 unter dem Titel »Betrogen bis zum jüngstenTag« verfilmt wird. In dieser Zeit arbeitet Franz Fühmann an Vorschlägen für eine Weiterentwicklung der Kulturpolitik, die er im Parteivorstand zur Diskussionstellt. Sie finden keine Zustimmung.
1958 löst er sein Arbeitsverhältnis mit der NDPD. Als freier Schriftsteller führt er die Auseinandersetzung mit dem Faschismus und mit seinen eigenen Erinnerungen und Deutungen weiter. Er veröffentlicht die Erzählungen »Das Judenauto«, »Barlach in Güstrow« und »König Ödipus«. Er schont den Leser nicht und nicht sich selbst. In seinem Tagebuch einer Ungarnreise notiert er: »Du hättest in Auschwitz vor der Gaskammer genau so funktioniert, wie Du in Charkow oder Athen hinter Deinem Fernschreiber funktioniert hast. Dazu warst du doch da ...«. (»Zweiundzwanzig Tage oder die Hälfte des Lebens« (1973), Seite 196).
Unter seinen Büchern für Kinder und Jugendliche sind die Nacherzählungen der Sagen des Altertums und des Mittelalters von besonderer Bedeutung: »Das hölzerne Pferd: die Sage vom Untergang Trojas und von den Irrfahrten des Odysseus«, »Shakespeare-Märchen«, »Das Nibelungenlied«, »Prometheus. Die Titanenschlacht«. Dieses Erbe der Menschheit – darin stimmt er mit Thomas Mann überein – darf nicht den Feinden der Menschheit überlassen werden.
Fühmanns Nacherzählungen können Menschen aller Altersgruppen einen Zugang zu überlieferten Quellen der Weltkulturen öffnen. Das gilt auch für sein 1978 veröffentlichtes Kinderbuch: »Die dampfenden Hälse der Pferde im Turm zu Babel«.
Franz Fühmann wurde 1961 in die Akademie der Künste berufen. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Heinrich-Mann-Preis (1956) und den Nationalpreis der DDR (1957 und 1974). 1976 protestierte er gemeinsam mit anderen namhaften Schriftstellern gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann. Er starb 1984 an einem Krebsleiden.
