Unsere Geschichte

Kultur ist: zu wagen,
Lesen zu wagen,
zu wagen, an eine eigene Ansicht zu glauben,
sich zu äußern wagen.

Peter Weiss

Auch die Gründung der Alternativen Bibliothek Hellersdorf und ihres Fördervereins im Sommer 1990 war ein Wagnis.

Das Gründungsjahr

Elke SchröderAchtzehn überwiegend jüngere Frauen und Männer gründeten am 18. September 1990 den parteipolitisch unabhängigen und gemeinnützigen Verein zur Förderung der alternativen Bibliothek Hellersdorf. Sie wählten den Namen alternative Bibliothek, weil sie im Gegensatz zu vielen Bibliotheken und Institutionen der DDR, die einen großen Teil ihrer Buchbestände aus DDR-Zeiten entsorgten, gerade dieses Kulturerbe bewahren wollten. Wichtig war ihnen, auch solche Literatur zu sammeln und zu studieren, die in der DDR aus politischen oder ökonomischen Gründen nur schwer oder überhaupt nicht zu haben war. Zur Vereinsvorsitzenden wurde die Bibliothekarin Elke Schröder gewählt.

Die ersten Bücher stammten aus Privatsammlungen sowie aus aufgelösten Bibliotheken. Nach Aussonderung zahlreicher Dubletten standen für den Anfang knapp 300 Bände zur Verfügung. Sie fanden zunächst Platz im Haus der Parteien, dem ehemaligen Sitz der SED-Kreisleitung Berlin-Hellersdorf, in der Kastanienallee. Vereinsmitglieder und interessierte Bewohner Hellersdorfs liehen sich Bücher aus und kamen über das Gelesene sowie zu aktuellen Fragen der gesellschaftlichen Umbrüche dieser Zeit ins Gespräch.

Die erste Bewährungsprobe

Bereits nach einem Jahr türmten sich die Schwierigkeiten vor dem jungen Verein. Die Miete für die beiden Räume im Haus der Parteien drohte die Mittel der Vereinskasse um ein Vielfaches zu übersteigen. Zuschüsse aus der öffentlichen Hand waren nicht zu bekommen. Einen vom Verein vorgeschlagenen kooperativen Anschluss an das Netz der Öffentlichen Bibliotheken hielt das Bezirksamt für ausgeschlossen. So wurden 1992 die Bücher zur Aufbewahrung auf unbestimmte Zeit unter den Vereinsmitgliedern aufgeteilt.

Heinz PeterIn dieser fast aussichtslosen Situation wurde nach Wegen gesucht, um auf wichtige Neuerscheinungen der Belletristik und Sachliteratur aufmerksam zu machen und über aktuelle politische und gesellschaftliche Fragen mit den Bürgern zu diskutieren. 1992 wurde Heinz Peter, ehemaliger Bibliotheksleiter und studierter Philosoph, zum 1. Vorsitzenden und Frank Beiersdorff zum 2. Vorsitzenden gewählt. Beide haben großen Anteil daran, dass zwei Veranstaltungsreihen ins Leben gerufen werden konnten. Im November 1992 startete die „Montagsrunde“. Auf der ersten Zusammenkunft stellte sich Prof. Dr. Parviz Khalatbari den Fragen der Bevölkerungsentwicklung und der weltweiten Migrationsbewegung. Es folgten Gespräche mit ehemaligen Diplomaten der DDR zu Problemen der Weltpolitik. Karl Schirdewan und Wolfgang Harich stellten ihre neuesten Publikationen vor und debattierten über die kritischen Jahre 1953 und 1956/1957 in der DDR-Geschichte. Weitere Themen betrafen die Entwicklung von Neonazismus und Rechtsextremismus.

Gerhard Holtz Baumert liest im Klub Kiste aus seinem Erinnerungsbuch »Die pucklige Verwandtschaft« (1994)Im Dezember 1992 wurde der „Literaturklub“ mit der Vorstellung des Buches von Charlotte von Mahlsdorf „Ich bin meine eigene Frau“ eröffnet. In den folgenden Monaten lasen Otto Häuser (Ottokar Domma), Lothar Kusche, Reinhold Andert, Gisela Karau u. a. aus ihren Büchern. Ort der Veranstaltungen war die „Kiste“, ein Jugendklub in der Nähe des U-Bahnhofes Hellersdorf. Allein von November 1992 bis Ende 1993 kamen zu den insgesamt 24 Veranstaltungen fast 850 Besucher.

Im Jahr darauf wurde gemeinsam mit dem „Klub 74“ und seinem Vorsitzenden, Dr. Horst Noack, im Klub Am Baltenring (Kaulsdorf Nord) das bis 2008 regelmäßig tagende „Erzählcafé“ aus der Taufe gehoben. Einmal im Monat wurde über eigene Erlebnisse während des zweiten Weltkrieges, in den Jahren des Wiederaufbaus, in den Wendejahren 1989/1990 sowie über verschiedene Publikationen gesprochen. Auch dafür konnten Schriftsteller, Wissenschaftler, vor allem jedoch Zeitzeugen gewonnen werden.

Neue Räume für die Bibliothek

Nachbarschaftshaus Kastanienallee, Ansicht von der GartenseiteDie vielen interessanten und gut besuchten Veranstaltungen machten den Verein und sein Anliegen im Stadtbezirk Hellersdorf zunehmend bekannt. So ergab es sich, dass die damalige Leiterin des Nachbarschaftshauses Kastanienallee zur Erweiterung des Angebotes dieser Einrichtung zwei Räume für die Bibliothek zu günstigen finanziellen Bedingungen anbot. 1995 konnten die inzwischen gesammelten annähernd eintausend Bände wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Von anderen Einrichtungen ausrangierte Regale und Büromöbel dienten auf viele Jahre der kleinen Bibliothek. Die Bücher wurden aufgestellt, gesichtet, geordnet sowie nach und nach rechnergestützt katalogisiert.

Der Bekanntheitsgrad des Vereins – bisher hauptsächlich lokal begrenzt – stieg sprunghaft, als Günter Gaus sich 1996 im überfüllten Saal der Hellersdorfer „Kiste“ von Hellmuth Henneberger „zur Person“ befragen ließ. Davon berichtete nicht nur die Hellersdorfer Monatszeitung jwd, sondern auch die überregionale Presse. Zum ersten Mal kamen auch zahlreiche Bücherspenden aus den Westberliner Bezirken. Bis 1998 wuchs die Sammlung auf mehr als dreitausend Bände.

Die Bibliothek muss umziehen

Nachdem das Nachbarschaftshaus einen neuen Träger bekommen hatte, stieg der Betriebskostenanteil der Alternativen Bibliothek ins Unbezahlbare. Gleichzeitig wirkten sich die vom Berliner Senat wiederholt verhängten Haushaltssperren aus: Fördermittel flossen spärlicher oder blieben mitunter monatelang ganz aus. In dieser Situation bot 1999 die Agrarbörse Deutschland Ost e. V., zu der das Literatur- und Beratungszentrum „Natur und Umwelt“ in der Melanchthonstraße 63 gehörte, der Alternativen Bibliothek Unterschlupf. Ein großer Teil der Literatur konnte dort aufgestellt werden. Etliche Kisten mit Büchern mussten in zum Teil wenig geeigneten Wirtschaftsräumen in der Hellen Mitte in Hellersdorf deponiert  werden.

Gisela PeterDer Umzug der Bibliothek in das neue Domizil in Mahlsdorf wurde zur ersten großen Aufgabe des im Februar 1999 neu gewählten Vereinsvorstandes. Den Vorsitz übernahm die erfahrene Diplombibliothekarin Gisela Peter, die dieses Amt seitdem erfolgreich ausübt. Sommerfest in der Melanchthonstraße (1999)Heinz Peter konzentrierte sich nunmehr verstärkt auf die Veranstaltungs- und Öffentlichkeitsarbeit des Vereins.

1999 meldete sich die Alternative Bibliothek erstmals im Internet mit einer eigenen Website zu Wort. Die Nutzung dieses Mediums wurde seitdem weiter ausgebaut.

Aus dem Angebot eines Informationsstandes (1999)Trotz des etwas abgelegenen neuen Standorts im Siedlungsgebiet Mahlsdorf hielt die Mehrzahl der Leser der Bibliothek die Treue. Die fruchtbare Zusammenarbeit der beiden Bibliotheken in der Melanchthonstraße zeigte sich sowohl in der Erarbeitung und Publikation neuer Literaturverzeichnisse als auch in der gemeinsamen Organisation von Vorträgen zur Geschichte Mahlsdorfs und von Wohngebietsfesten.

Nach zwei Jahren musste die Agrarbörse Deutschland Ost e. V. diesen Standort leider aufgeben. Wieder stand ein Umzug bevor.

Hellersdorfer Promenade 24

Hellersdorfer PromenadeDie Eigentümer und Verwalter der Häuser der damaligen City-Meile, heute Hellersdorfer Promenade, waren bemüht, die Fußgängerzone wieder zu beleben. Sie waren auch bereit, leer stehende Geschäfte an freie Träger zu vermieten. Im Frühjahr 2001 konnte der Verein zur Förderung der alternativen Bibliothek Hellersdorf e. V. am heutigen Standort zwei Geschäftsräume ohne Schaufenster zu günstigen finanziellen Bedingungen anmieten. Der Jugendklub Kudepo in der Wurzener Straße stellte einen Raum zur Verfügung, der seitdem als Büchermagazin benutzt wird und heute fast die Hälfte des Bibliotheksbestandes aufnimmt.

Nachdem die Alternative Bibliothek ein Vierteljahr geschlossen war, konnte sie am 3. April 2001 wieder eröffnet werden. Von links: Dr. Ursula Löffler, Ruth Birkner,  Dr. Siegfried Birkner

Gisela Peter und Bärbel KlemzMit großem Einsatz der Vereinsmitglieder wurden die Räume renoviert. Unter Verwendung von Spendenmitteln wurden in Eigenleistung passgerechte Regale gezimmert. Zusammen mit den Bibliotheksmöbeln aus den Anfangsjahren wurden Voraussetzungen geschaffen, den Platz optimal zu nutzen und die Bücher ansprechend aufzustellen. Einige frei stehende Regale wurden auf Rollen gesetzt. Sie konnten beiseite geschoben werden, um Platz für Veranstaltungen in den Bibliotheksräumen zu schaffen.

Peter-Weiss-Bibliothek

Die zentrale Lage der Bibliothek mitten im Wohngebiet, durch öffentliche Verkehrsmittel bequem erreichbar und die ansprechende Präsentation eines großen Teils des Bestandes ließ neue Leser den Weg in die Bibliothek finden. Die guten Arbeitsbedingungen für die freiwilligen Helfer begünstigten den Aufschwung in der Bibliotheksarbeit. Sie kam nun schrittweise aus dem Stadium der Provisorien heraus. Weiter reichende Ziele wurden diskutiert. Der Vereinsvorstand wollte jetzt den seit längerem gehegten Plan verwirklichen und sich um den Namen Peter Weiss für die Bibliothek bewerben. Bereits seit Mitte der neunziger Jahre beschäftigten sich Vereinsmitglieder mit dem Werk des deutschen antifaschistischen Schriftstellers und Künstlers, der - von den Faschisten aus Deutschland vertrieben - Exil in Schweden gefunden hatte. Besonders sein Hauptwerk „Ästhetik des Widerstandes“ war wiederholt Gegenstand von Veranstaltungen.

In einer festlichen Veranstaltung erhält die Alternative Bibliothek Hellersdorf am 10. Mai 2002 den Namen Peter-Weiss-Bibliothek Von rechts nach links: Dr. Arnd Beise, Mikael Sylvan, Prof. Gunilla Palmstierna Weiss, Dr. Uwe Klett, Gisela Peter

Prof. Gunilla Palmstierna Weiss vor der BibliothekIn Anwesenheit der Witwe Peter Weiss’, Prof. Gunilla Palmstierna Weiss, und weiterer Vertreter der Internationalen Peter-Weiss-Gesellschaft erhielt die Alternative Bibliothek Hellersdorf am 10. Mai 2002 in einer festlichen Veranstaltung den Namen „Peter-Weiss-Bibliothek“. Mit der Namensgebung fand das langjährige Wirken des Vereins Anerkennung. Sie trug dazu bei, die Bibliothek noch stärker über die Grenzen des Stadtbezirks Marzahn-Hellersdorf hinaus bekannt zu machen. Gleichzeitig war der Name Verpflichtung, die bisherige Arbeit fortzusetzen und sich neuen Anforderungen zu stellen. Der Verein veröffentlichte die Reden zur Namensgebung unter dem Titel „Kultur ist zu wagen“.

Bibliotheksarbeit

An drei Tagen in der Woche für jeweils vier Stunden öffnete die Bibliothek ihre Tür für Besucher. Die Zahl der eingetragenen Benutzer verdoppelte sich allein im ersten Halbjahr 2002. Sie mussten beraten werden, die Ausleihen waren zu registrieren. Eine zentrale Aufgabe war die Erschließung des Bestandes, das heißt neben dem Aufstellen und der Pflege der Bücher ihre Katalogisierung. Zu diesem Zeitpunkt war jedoch erst ein Drittel des Bestandes in der Katalogdatenbank erfasst.

Bücher, die man nicht findet – noch dazu, wenn sie ein paar Hundert Meter entfernt im Magazin stehen – können nicht angeboten werden. Die bisher praktizierte rechnergestützte Katalogisierung wurde in den Jahren 2004 bis 2006 auf das Datenbanksystem allegroC umgestellt. Die bereits vorhandenen Datensätze konnten mit Hilfe der Firma allegronet (Radeberg) konvertiert werden. Das Projekt wurde von der Landeszentrale für politische Bildungsarbeit Berlin gefördert. Nach entsprechender Einarbeitungszeit konnte die Katalogisierung vereinfacht und beschleunigt werden. Da auch diese Arbeiten ausschließlich von ehrenamtlich tätigen Bibliothekarinnen und Bibliothekaren geleistet wurden, ist der im März 2011 erreichte Stand von 14.000 katalogisierten Titeln ein beachtlicher Erfolg.

Die Sammlung wuchs ständig. Im Jahr 2000 waren es rund 13.000 Bücher und Broschüren, zwei Jahre später bereits 15.000. Heute kann die Bibliothek auf rund 18.000 Titel verweisen. Viele wertvolle Publikationen zu Themen der Sozial- und Kulturwissenschaften, der Politik, Geschichte und der Wirtschaftswissenschaften sowie schöngeistige Literatur wurden der Bibliothek als Geschenk übergeben. Alle übernommenen Bücher mussten sortiert und in den Bestand eingearbeitet werden. Handelte es sich um Titel, die bereits vorhanden waren bzw. nicht dem Profil der Bibliothek entsprachen, mussten sie für Basare oder zur Abgabe an andere Vereine oder an Antiquariate vorbereitet werden.

Regale auf Rollen Hier stehen die Gruppen Wirtschaft, Staat und Recht

Die Peter-Weiss-Bibliothek konnte den Bestand zu ihren Sammelschwerpunkten stetig ausbauen Das betrifft vor allem Themen zur Sozial- und Kulturgeschichte, der Zeitgeschichte und Politik. Einen großen Platz nehmen die Publikationen zur deutschen Geschichte, insbesondere zur Geschichte des antifaschistischen Widerstandes, der DDR, der BRD und der Entwicklung der ostdeutschen Bundesländer nach 1990 ein. Weitere Gebiete sind die Kunst- und Literaturgeschichte, Philosophie, Wirtschaftswissenschaften, Psychologie, Pädagogik und Soziologie.

Viele Regale enthalten Biographien und Erinnerungen aber auch Romane, Gedichte und Theaterstücke. Es ist trotz sehr begrenzter finanzieller Mittel gelungen – vor allem durch zahlreiche Spenden – neben Literatur der 60er bis 80er Jahre auch annähernd 6.000 Publikationen aus den beiden letzen Jahrzehnten in den Bestand aufzunehmen.

Veranstaltungen

Die Bibliotheksräume boten die Möglichkeit, Autoren neuer Publikationen – umgeben von Büchern – zu Wort kommen zu lassen. So verlagerte sich die Veranstaltungstätigkeit des Vereins mehr und mehr in die Bibliothek in der Hellersdorfer Promenade. Waren mehr als 35 Besucher zu erwarten, wurde in den Klub „Kiste“ bzw. in die Alice-Salomon-Hochschule eingeladen. In der Mitte des letzten Jahrzehnts wurden jährlich zwölf bis achtzehn Literaturveranstaltungen mit jeweils zwischen zwanzig und fünfzig Besuchern durchgeführt. Darüber hinaus beteiligt sich der Bibliotheksverein alljährlich am Tag der Erinnerung, Mahnung und Begegnung im Zentrum Berlins mit Ausstellungen und Buchbasaren. Auch war und ist er stets mit seinen Buchangeboten auf den Wohngebietsfesten präsent.

Von links: Prof. Dr. Heinz Deutschland und  Dr. Wladislav Hedeler stellen neue Bücher zur Geschichte der UdSSR vor. Moderation: Fredi Sumpf (2002) Informationsstand zum Tag der Mahnung

Die zunehmende Beachtung, die der Verein und seine Bibliothek in der Öffentlichkeit erfuhren, widerspiegelten unter anderem die jährlich etwa 20 Pressebeiträge über ihre Veranstaltungen und Vorhaben.

In den letzten zwei Jahren wurde die Zahl der Veranstaltungen etwas eingeschränkt. Dies ist einmal den begrenzten Kräften der ehrenamtlich Tätigen, zum anderen aber auch dem erfreulich wachsenden Angebot an guten literarischen Veranstaltungen verschiedener Vereine und Institutionen im Bezirk geschuldet.

Ein bewährtes Mittel, auf den reichhaltigen Bestand der Bibliothek aufmerksam zu machen und Literatur zu aktuellen Ereignissen und Fragen der gesellschaftlichen Entwicklung anzubieten, ist die Herausgabe von thematischen Literaturverzeichnissen. So konnte 2005 anlässlich des 60. Jahrestages der Befreiung vom deutschen Faschismus ein Auswahlverzeichnis zum Thema „Verfolgung und Widerstand in Deutschland 1933 – 1945“ erscheinen. Es umfasste 400 Titel aus dem Bestand der Bibliothek und war bereits die Nummer 16 in der Folge der Literaturverzeichnisse.

Im Bezirk

Nach 5 Jahren am neuen Standort unweit des Zentrums von Hellersdorf konnte festgestellt werden, dass die Einheit von Bemühungen um die Erweiterung und Profilierung des Buchbestandes und die aktive Propagierung wertvoller Literatur Früchte getragen hatte. Der Kreis der Leser erweiterte sich; die Veranstaltungen wurden von einem Stammpublikum besucht, zu dem – von Thema zu Thema unterschiedlich – zahlreiche weitere Gäste erschienen. Dies war auch das Ergebnis der Zusammenarbeit mit Partnern im Stadtbezirk wie der Buchhandlung im KiK, dem Verein Steinstadt e. V., Betreiber des Klubs „Kiste“, sowie dem „Klub 74“, der Alice-Salomon-Hochschule und mit der Internationalen Peter Weiss Gesellschaft. Vieles war nur möglich, weil ein großer Teil der Veranstaltungen und Veröffentlichungen der Bibliothek durch die Landeszentrale für politische Bildungsarbeit Berlin gefördert wurde, und weil ein Teil der Mietkosten aus Zuwendungsmitteln des Bezirkes Marzahn-Hellersdorf, Fachbereich Kultur, finanziert werden konnte.

Die Vereinsmitglieder – etwa dreißig an der Zahl - bemühten sich, durch ihre umfangreiche, vielseitige ehrenamtliche Tätigkeit der Bibliothek einen festen Platz im Stadtbezirk und vor allem im engeren Wohngebiet um die Helle Mitte zu sichern. Unterstützt wurden sie durch das seit 2005 tätige Quartiersmanagement Hellersdorfer Promenade.

Das Quartiersmanagement förderte die Entwicklung und die Kooperationsbeziehungen mit kulturellen und sozialen Einrichtungen sowie mit Vereinen im Kiez. Dafür standen Gelder aus dem Programm „Soziale Stadt“ zur Verfügung. Die Peter-Weiss-Bibliothek konnte im Laufe der Jahre ihre Benutzungsbedingungen wesentlich verbessern und ihre Angebote für die Bewohnerinnen und Bewohner wesentlich ausweiten. Ihre Projektanträge für neue Regale, Stapelstühle für die Veranstaltungen und die Einrichtung eines PC-Arbeitsplatzes für Besucher wurden vom Quartiersrat bewilligt. Gefördert wurden auch die Veranstaltungen der Reihe „Treffpunkt Peter-Weiss-Bibliothek“, der Kauf aktueller Literatur sowie der Online-Katalog der Bibliothek im Internet.

Einweihung des Peter-Weiss-Platzes am 11. Juni 2007.Für den Verein, dessen Bibliothek den Namen Peter Weiss trägt, war es eine Selbstverständlichkeit, sich mit Ideen und Anregungen zur Gestaltung des am 11. Juni 2007 der Öffentlichkeit übergebenen Peter-Weiss-Platzes in Hellersdorf zu engagieren. Anlässlich der Einweihung des Platzes lud der Verein zum Besuch einer Ausstellung über Leben und Werk von Peter Weiss in die Räume der Bibliothek ein.Ruth Jakoby, Botschafterin des Königsreichs Schweden, begrüßt die Fertigstellung des Peter-Weiss-Platzes.

Als im Jahr 2007 das Quartiersmanagement der Hellersdorfer Promenade anregte die Traditionen des jungen Wohngebietes zu erforschen und dazu Einwohner, Gewerbetreibende und Vertreter der ansässigen Vereine zu befragen, übernahm der Bibliotheksverein diese Aufgabe. Die Autoren André Gaedecke und Wolfgang Hantke, unterstützt von einigen Vereinsmitgliedern, stellten im Verlauf des Jahres 2008 ihre Forschungsergebnisse in drei gut besuchten Veranstaltungen vor. Sie schlugen den Bogen vom mittelalterlichen Dorf über die Errichtung der ersten Neubauten in Hellersdorf seit Ende der achtziger Jahre bis in die Gegenwart. Diese Arbeiten fanden schließlich ihren Niederschlag in der gut gestalteten und mit zahlreichen Bildern versehenen Broschüre „Mehr als eine Straße. Gesichter und Geschichten der Hellersdorfer Promenade“. Diese Publikation, die im Stadtbezirk und in ganz Berlin verbreitet wurde, ist geeignet, für den Bezirk Hellersdorf als grüne und lebendige Stadt mit engagierten Bewohnern zu werben.

Von links: André Gaedecke und Wolfgang Hantke bei ihrer ersten Veranstaltung zur Geschichte der Hellersdorfer Promenade (2007) Gespräch über erlebte Geschichte (2007)

Die Vorträge und die Publikation zur Geschichte des Kiezes beanspruchten viel Kraft. Trotzdem wurden die Arbeiten in der Bibliothek kontinuierlich fortgeführt. Dies gelang, weil einige weitere Frauen und Männer mit entsprechender Ausbildung für diese ehrenamtliche Tätigkeit gewonnen werden konnten. Die Datenbank allegroC zur Katalogisierung des Buchbestandes wurde vervollkommnet und 2008 konnte der Katalog unter www.pwb.allegronet.de im Internet zugänglich gemacht werden. Im gleichen Jahr wurde mit der Inventur des gesamten Bestandes begonnen. Ein Vorhaben, das jede Bibliothek von Zeit zu Zeit bewältigen muss, umso mehr, wenn sie in eineinhalb Jahrzehnten dreimal den Standort wechselt. Die Inventur, die kontinuierliche Katalogisierung, die Ordnungsarbeiten in Bibliothek und Magazin ermöglichten eine Bestandsbereinigung. Zahlreiche Buchspenden hatten die Menge des Aufbewahrten vervielfacht und damit auch die Zahl solcher Titel, die doppelt und mehrfach vorhanden waren. Das kann sich die Bibliothek mit ihren beschränkten Räumen nicht leisten. Seit 2007 wurden in jedem Jahr etwa 2.000 Bücher aussortiert und für die Abgabe an Antiquariate oder für den Verkauf auf Buchbasaren vorbereitet.

20 Jahre Bibliotheksverein

Im September 2010 feierte der Förderverein den 20. Jahrestag seiner Gründung. Zur Festveranstaltung im Rathaussaal fanden sich über 90 Gratulanten ein. Das Programm mit Liedern und Texten von Heinrich Heine und Bertolt Brecht gestalteten die Sängerin Barbara Kellerbauer, ihre Tochter Johanna und der Pianist Reinmar Henschke. In der Glückwunschansprache des stellvertretenden Bürgermeisters von Marzahn-Hellersdorf sowie in den Grußworten einer Reihe langjährig mit der Peter-Weiss-Bibliothek verbundener Freunde und Partner wurde die ehrenamtliche Arbeit der Vereinsmitglieder gewürdigt. Hervorgehoben wurden die Verdienste um die Bewahrung und Pflege der Literatur, insbesondere des politischen Buches, das Engagement im Wohngebiet und die zahlreichen Veranstaltungen, in denen sich Autoren und Leser begegneten, um miteinander über neue Bücher zu sprechen.

Festveranstaltung zum 20. Jahrestag des Bibliotheksvereins Barbara Kellerbauer und ihr Ensemble auf der Festveranstaltung

Eröffnung der Ausstellung »Berlin und seine Literaten« Mit einem weiteren Höhepunkt zum Jubiläum beschritt der Verein erneut Neuland. In Kooperation mit der Hellersdorfer Galerie ARTKUNSTRAUM organisierte er eine Ausstellung mit 75 Holzschnitten des Berliner Graphikers Knut Norbert Firchau zum Thema „Berlin und seine Literaten“. Blumen für den Graphiker Knut N. Firchau

Der weitere Ausbau der Kooperationsbeziehungen mit Vereinen und Institutionen im Stadtbezirk befördert die Ausstrahlung der Bibliothek. Die Zahl der eingetragenen Nutzer steigt langsam aber stetig. Eine großzügigere Anordnung eines Teils der Bücher erleichtert die Auswahl von Lesestoff. Mit dem PC-Arbeitsplatz für Besucher wurde die Voraussetzung geschaffen, schnell auf den bibliothekseigenen Katalog und auf die Kataloge der öffentlichen Bibliotheken zuzugreifen sowie den vorhandenen umfangreichen Bestand an digitalen Texten zu nutzen.

Faltblätter mit wesentlichen Aussagen über die Angebote der Bibliothek, seit Sommer 2009 auch ein Schaufenster in der Hellersdorfer Promenade mit wechselnden thematischen Buchausstellungen, Informationen sowie Berichte in der Presse tragen dazu bei, die Angebote der Vereinsarbeit möglichst vielen Interessenten zugänglich zu machen.

Fredi Sumpf